Das Ende des Flaschenhalses und die zweite Chance für Europa
Wann hat Ihr letztes Produkt-Release tatsächlich einen messbaren Unterschied gemacht? Nicht „Wir haben geliefert“. Nicht „Das Projekt wurde abgeschlossen“. Oder gar „Das Ticket ist geschlossen“. Stattdessen: Wann hat ein digitales Produkt Ihres Unternehmens zuletzt das Nutzerverhalten verändert, Marktanteile gewonnen oder einen neuen Standard gesetzt?
Ein durchschnittliches Feature braucht in deutschen Unternehmen 14 bis 18 Monate von der ersten Idee bis zur Livestellung. Die Entwicklungskosten pro Feature sind in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen. Branchenstudien zeigen regelmäßig: Von zehn gestarteten Produktvorhaben erreichen nur zwei bis drei ihr ursprüngliches Ziel. Und Nutzungsdatenanalysen belegen, dass die Mehrheit der Features nur von einem Bruchteil der Nutzer regelmäßig genutzt wird. Software-Entwicklung ist hart. Und statt alle Energie in die Kreation digitaler Produkte zu investieren, wurde die meiste Energie darauf gelegt, überhaupt „zu liefern“.
Der Flaschenhals war immer die Software-Entwicklung. Nicht die Ideen. Nicht das Design. Sondern die Fähigkeit, Ideen in funktionierenden Code zu übersetzen. Die Entwickler kamen nicht hinterher. Was taten die Unternehmen? Sie versuchten, den Flaschenhals zu weiten. Agile versprach Hilfe durch kleinere Pakete und kürzere Zyklen. SAFe versprach Skalierung. Offshoring versprach Kostensenkung. Das Ergebnis? Mehr Koordination, mehr Meetings, mehr Overhead – und dieselbe Time-to-Market. Der Flaschenhals wurde nicht geweitet, sondern nur besser verwaltet.
Jetzt, da AI diesen Flaschenhals radikal auflöst, öffnet sich ein Fenster. Deutschland, Europas Exportweltmeister mit dem Digitalisierungsgrad eines Schwellenlands, könnte dieses Mal vorne stehen. Denn wenn Code nichts mehr kostet, zählt nur noch Domänenwissen und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen. Wer die Digitalisierung verschlafen hat, bekommt eine zweite Chance. Eine letzte.
Die Ironie: Wer programmiert, programmiert jetzt auf Englisch. Oder eben Deutsch. Nicht in Python, nicht in JavaScript – in natürlicher Sprache. Das kratzt am Ego jener Profession, die bisher programmierte. Aber die Antwort darauf, wie eine Welt aussieht, in der das Problem der Software-Entwicklung gelöst ist, lautet: Es wird eine radikal neue Welt sein.
In der alten Welt gab es einen natürlichen Filter: die Kosten der Umsetzung. Mit AI hat sich die Gleichung verändert. Was früher der Engpass war, gibt es jetzt im Überfluss. Der neue Engpass ist die Fähigkeit zu entscheiden, welcher Code geschrieben werden soll. Branchenwissen wird zum Rohstoff. USA und China sind nicht die Welt. Wenn wir unser tiefes Domänenwissen mit der neuen Geschwindigkeit der 4P-Pipeline kombinieren, können wir die Digitalisierung endlich richtig machen. Angst essen Seele auf – wir sollten stattdessen die Chance nutzen, die sich uns jetzt bietet.