Der ChatGPT-Moment und was danach kommt
Ich erinnere mich an jenen kalten Abend im November. Es war spät, der Arbeitstag längst zerfasert in E-Mails, Slack-Pings und ziellosem Scrollen. Ein Freund schickte einen Link, lakonisch: „Hast du das gesehen?“ Chatbots waren so 90er, trotzdem klickte ich mich zur Website und tippte skeptisch: „Erkläre Blockchain in drei Sätzen.“ Die Antwort erschien Wort für Wort, flüssig, präzise.
Ich erhöhte den Einsatz. „Beurteile, wie gut die drei wichtigsten Thesen meines Buches 'Transformationale Produkte' von 2017 gealtert sind.“ Das Ergebnis? Ich hätte es in dem Moment nicht besser artikulieren können. Ich machte verwirrt weiter, obwohl ich das Ergebnis bereits ahnte: „Ein Haiku über Artificial Intelligence.“ Es skandierte perfekt. Davor hätte ich jeden ausgelacht, der so etwas prophezeit hätte. Jetzt starrte ich auf den Bildschirm wie jemand, der gerade bemerkt hatte, dass hinter dem leuchtenden Panel vor mir eine außerirdische Intelligenz erwacht war. Es fühlte sich an wie ein Riss in der Realität.
Dieselbe Szene wiederholte sich in den folgenden Tagen und Wochen millionenfach. Büros, Küchen, U-Bahnen. Menschen sahen auf ihre Screens und spürten: Ihre Vorstellungen davon, was Computer können, lösten sich auf. Fünf Tage nach dem Start erreichte ChatGPT eine Million Nutzer. Zwei Monate später durchbrach OpenAI die 100-Millionen-Schallmauer. Keine Technologie und kein Medium verbreiteten sich in der Geschichte schneller. Das war der ChatGPT-Moment. Der Augenblick, in dem etwas vollkommen Unerwartetes die Labortür aufschlägt und die Welt in neues Licht taucht.
Wieder ein später Abend. Wieder saß ich vor dem Bildschirm. Diesmal war es kein Link von einem Freund – ich hatte Claude Code mit dem neuen Opus-4.5-Modell upgedatet, das Anthropic gerade veröffentlicht hatte. Ich war immer noch in der Desillusionphase des Vibe Codings gefangen. Das ganze Jahr hatten wir die neuen AI Coding Tools bereits im Einsatz. Es begann mit kleinen Prototypen einzelner Funktionen und wuchs bis hin zu MVPs, die sogar in die Produktion gingen. Aber die Arbeit mit den Tools war langsam, fehleranfällig und glücksspielhaft. Die Entropie wuchs mit der Zeit und die Codebasis war irgendwann kaum noch wartbar.
Ich war müde. Ich öffnete ein Terminalfenster und startete Claude Code. Mein Prompt: unsere LLM-Analytics-Plattform mit einer sechsstelligen Anzahl an Programmzeilen komplett aufzuräumen. Robuster, sicherer – ohne das Nutzerverhalten zu ändern. Ein lustlos-aggressiver Brute-Force-Prompt. In den Monaten davor hätte er jede Codebasis zuverlässig in Schrott verwandelt.
Am nächsten Morgen hatte ich meine abendliche Aktion schon fast vergessen, startete die Analytics-Plattform, die sich an diesem Morgen ein klein wenig flüssiger anfühlte als noch am Tag zuvor. Erst nach einer Stunde fiel mein Blick auf das von vielen Fenstern verdeckte Terminalprogramm. Claude Code meldete, dass es in der Nacht die Codebasis um 40 Prozent reduziert, große Module sauber aufgeräumt und neu strukturiert, Dutzende kleinerer und mittlerer Security-Themen identifiziert und gefixt sowie die Dokumentation upgedatet hatte. Natürlich hätte es auch alles getestet und, da alles fehlerfrei lief, bereits deployed.
Ich war ehrlich geschockt. Was passiert hier gerade? Ich dachte an jenen Novemberabend 2022. Damals hatte ich mit den LLMs eine künstliche Intelligenz erlebt, die Denken mehr oder weniger gut simulieren konnte. Jetzt erlebte ich eine, die liefern konnte. Das war keine Simulation mehr. Der Code war tatsächlich neu geschrieben und lief einwandfrei. Entwicklerwochen an Programmierleistung wurden in einem einzigen Prompt verdichtet, der lediglich ein paar Millionen Token gekostet hatte.
Das war der Moment, in dem ich verstand: ChatGPT war erst der Pilot. Jetzt beginnt die eigentliche Serie. Das Skript, das zeigt, wie wir wirklich arbeiten werden. „Almost all new code written at OpenAI today is written by Codex. We’re at the point where AI writes the code, and humans verify it“, sagte Greg Brockman bereits vor einiger Zeit. Wir sind nun an diesem Punkt angekommen.